Der Begriff ”Selbstbestimmungsrecht der Völker und Nationen” gehört zu den meist gebrauchten Begriffen der internationalen Politik. Er stammt aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Deklaration der Menschenrechte von 1793 in Frankreich. Darin wurde das Recht der Bürger, sich eine Staatsform und Regierung zu wählen, festgeschrieben.

Selbstimmungsrecht der Völker wurde im 20. Jahrhundert von so gegensätzlichen Staatsmännern wie dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und dem russischen Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin aufgenommen.

Wilson sah in dem Begriff den Schlüssel zu einer friedlicheren Welt, während Lenin glaubte, den Begriff des Selbstbestimmungsrechts als ein entscheidendes Element im Kampf gegen reaktionäre Imperien benutzen zu können.

Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts fand bei der Neugestaltung der europäischen Landkarte nach dem Ersten Weltkrieg bei den Friedensverhandlungen in Versailles Anwendung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Entkolonialisierung ebenfalls unter Berufung auf das ”Selbstbestimmngsrecht”, und in den vergangenen 40 Jahren haben zahlreiche unzufriedene Regionen und nationale Minderheiten sich auf dieses Prinzip berufen, so z. B. das Baskenland und die Tamilen im nördlichen Sri Lanka.

Wenn die Forderung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht überall auf der Welt von Ost-Timor bis Kurdistan auftaucht, sollte man glauben, dass es sich um eine berechtigte Forderung handelt.

Auf den ersten Blick klingt das vernünftig, im Detail ist es allerdings nicht so einfach! Hätte im Jahr 1920 im gesamten ehemaligen Herzogtum Schleswig von der Königsau bis zur Eider eine Abstimmung stattgefunden, hätte das eine deutsche Mehrheit ergeben. Entscheidend ist somit, wie groß das Gebiet ist, dem die Möglichkeit für eine Abstimmung eingeräumt wird.