Vorgeschichte und Verlauf

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 begannen im Januar 1919 politische Verhandlungen, die zur Beendigung der bewaffneten Zusammenstöße um Grenzziehung und territorialen Gewinn zwischen einer Reihe von Staaten führen sollten.

Allerdings konnten nicht für alle Staaten Grenzverläufe gefunden werden, die alle Seiten zufrieden stellten. Deshalb sollten aufgrund des Versailler Friedensvertrages von 1919 in fünf europäischen Regionen Volksabstimmungen unter der Kontrolle internationaler Kommissionen im Verlauf der Jahre 1920 – 1921 abgehalten werden.

Die erste dieser Abstimmungen fand im Februar und März 1920 in Schleswig statt.

Der Abstimmungskampf in Oberschlesien fand ungefähr zur gleichen Zeit statt, verlief aber deutlich gewaltsamer. Aufgrund seiner Rohstoffvorkommen und der hochentwickelten Industrie wurde Oberschlesien sowohl von Deutschland als auch von Polen beansprucht.

Die Abstimmung in Oberschlesien am 20. März 1920 ergab 706.993 Stimmen für Deutschland und 479.349 für Polen, aber beide Seiten zeigten sich unzufrieden. Schließlich erfolgte eine Teilung Oberschlesiens durch die alliierten Mächte.

Der wesentliche Teil des industrialisierten Oberschlesiens mit Kohleschächten, Eisenerzlagerstätten und Industriegebieten wurde Polen überlassen. Nur der westliche Teil, der überwiegend landwirtschaftlich geprägt war, blieb bei Deutschland.

Die dritte Abstimmung fand am 11. Juli 1920 in einem kleinen Gebiet von zwischen dem polnischen Westpreußen und dem deutschen Ostpreußen statt. Insgesamt wurden 105.071 Stimmen abgegeben, von denen 98 % auf Ostpreußen entfielen.

Die vierte Abstimmung erfolgte im Oktober 1920 in Kärnten. Hier sollte sich die Bevölkerung zwischen Österreich und dem neugegründeten Jugoslawien entscheiden. Der Abstimmungskampf war von gewaltsamen Zusammenstößen von beiden Seiten geprägt.

Die Abstimmung ergab eine große Mehrheit für Österreich, selbst in Gebieten, in denen die Mehrheit slowenisch sprechend war. Die Grenzziehung von 1919 wurde deshalb nicht verändert.

Im Burgenland, das auch die Bezeichnung Deutsch-Westungarn trägt, fand die letzte der europäischen Volksabstimmung unter internationaler Kontrolle Ende 1921 statt. Hier bestand die Wahl zwischen österreichischer und ungarischer Staatsbürgerschaft. Eine deutliche Mehrheit entschied sich für Ungarn, und das Gebiet blieb bei Ungarn.

Die aus den Volksabstimmungen in Schleswig, Kärnten und im Burgenland hervorgegangenen Grenzen sind bis heute erhalten geblieben.

Die ebenfalls in Volksabstimmungen entstandenen Grenzen zwischen West- und Ostpreußen sowie in Schlesien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg verändert, als die Sowjetunion den östlichen Teil Ostpreußens übernahm, und die Grenzen Polens nach Westen verschoben wurden. Das geschah jedoch ohne Volksabstimmungen.

Im Saarland wurde 1935 eine Volksabstimmung aufgrund des Versailler Vertrages und unter internationaler Kontrolle durchgeführt. Eine große Mehrheit stimmte für Deutschland. Diese Volksabstimmung wurde mit dem gleichen Resultat 1955 wiederholt.

Die Volksabstimmungen nach dem Ersten Weltkrieg entsprangen einer moderne Vorstellung, der zufolge Nationen eindeutig durch Geschichte, Sprache und Kultur definierte Gemeinschaften seien.

Die Bevölkerungen wurden bei den jeweiligen Abstimmungen vor die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gestellt: deutsch oder polnisch? österreichisch oder ungarisch?

Aber Grenzgebiete sind oftmals mehrsprachig und von mehreren Kulturen geprägt. Deshalb ergaben die Volksabstimmungen teilweise unerwartete Resultate.